Mariendistel (Silymarin Silybin)

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Lia
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Mariendistel (Silymarin Silybin)

Beitrag von Lia »

Hallo miteinander,
da der Sommer zu wünschen übrig lässt und im Forum Sommerloch ist, habe ich die Muße gefunden, einiges zur Mariendistel zusammenzustellen:

Mariendistel, bei eisenüberladener Leber ein Mittel mit zweierlei Nutzen?

Die Mariendistel wird bei Lebererkrankungen eingesetzt. Inhaltsstoffe haben Eigenschaften, die eine erkrankte Leber vor weiterer Schädigung schützen können. Zudem zeigen Untersuchungen eine antivirale Wirkung bei Hepatitis C und bei bestimmten Krebserkrankungen die Fähigkeit, den Zelltod von Krebszellen zu induzieren.

Wikipedia zu Mariendistel: http://de.wikipedia.org/wiki/Mariendistel
Wikipedia zu Silybin http://de.wikipedia.org/wiki/Silibinin Dort steht: (Zitat) "Silybin ist die am stärksten pharmakologisch aktive Substanz des Stoffkomplexes Silymarin, der aus den Früchten der Mariendistel (Silybum marianum) gewonnen wird."

Das Polyphenol Silybin ist aber auch ein potentieller Eisenchelator, wie Studien herausgefunden haben. Das könnte einen Nutzen bei der Behandlung von Hämochromatose versprechen. Silybin hat eine hohe Affinität für dreiwertiges Eisen und bildet einen Eisen-Silybin-Komplex (Borsari et al., 2001). So steht das Eisen nicht für die Absorption zur Verfügung. Dementsprechend berichteten immer wieder lebererkrankte Hämochromatose-Patienten ihren Ärzten, dass sie bei der Einnahme von Mariendistel weniger Aderlässe benötigen würden. Daher wollten Forscher herausfinden ob die Aufahme von non-haem Eisen ( = Eisen pflanzlicher Herkunft) bei Hämochromatosepatienten durch Silybin veringert werden könnte:

Eine kleine Studie untersuchte C282Y homozygote, bereits behandelte Patienten. (9 Männer und 1 Frau, alle mit bereits höhergradige Siderose, Fibrose oder Zirrhose der Leber). Sie nahmen vegetarisches Essen entweder mit Wasser(200 ml), 200ml Wasser plus 140mg Silybin (Einmaldosis) oder Schwarztee (200 ml) ein.
Das mit der Mahlzeit eingenommene Silybin verringerte nach dem Essen (=postprandial) den Anstieg von Serumeisen im Vergleich zu Wasser signifikant und auch im Vergleich zu Tee. Schwarztee soll bekanntlich die Eisenaufnahme hemmen und es gibt auch Untersuchungen dazu (Kaltwasser et al. 1998), jedoch in dieser Studie zeigte der Tee keinen eisenhemmenden Effekt. Laut Studie hat zu einer Mahlzeit eingenommenes Silybin das Potential, die Eisenaufnahme zu reduzieren, möglicherweise sogar effektiver als schwarzer Tee. Weitere Untersuchungen seien angebracht, wie Silybin bei der Behandlung von Hämochromatose eingesetzt werden könnte.
Wer die vorgestellte Studie im Originalwortlaut nachlesen möchte:
The iron-chelating potential of silybin in patients with hereditary haemochromatosis
Hutchinson et al., Eur J Clin Nutr.; Oct 2010
Abstract zur Studie engl.
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20628405
Beinahe-Volltext engl. : Eur J Clin Nutr. Author manuscript
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3308202/


Die Studie zu den eisenbindenden Eigenschaften von Silybin bestätigte die Ergebnisse anderer Studien:
-Silybin, über 12 Wochen eingenommen, reduzierte die Körpereisenspeicher bei Patienten mit chronischer Hepatitis C. (Bares et al., 2008),
-Bei Beta-Thalassämie waren in Studien die Behandlung der Eisenüberladung mit dem Eisenchelator Deferoxamin plus zusätzlich Silybin effektiver, als wenn nur mit Deferoxamin behandelt wurde. (Gharagozloo et al. 2009 Abstract engl. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19453758 ; Moayedi et al. 2013 Abstract engl. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23278124 )
-Bei Beta-Thalassämie war in einer weiteren Studie die Behandlung der Eisenüberladung mit dem Eisenchelator Deferasirox plus Silymarin effektiver, als wenn nur mit Deferasirox behandelt wurde. Die Studie wurde mit 40 Kindern mit Beta-Thalassämie durchgeführt. Es gab keine Anzeichen von Toxizität bei dieser Kombinationstherapie (Hagag et al., 2013 Volltext engl. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3867224/ )

Es gab aber auch mal eine Publikation, in der man bei einer Patientin mit Hämochromatose eine Verschlimmerung durch Mariendistel vermutete. Nachdem sie die Einnahme des Mariendistel-Präparates und zudem die Einnahme weiterer Stoffe (Paracetamol und Cola) stoppte, verbesserten sich die Leberwerte und ihr Gesundheitszustand. Aber das war nur 1 Fall und Paracetamol ist potentiell lebertoxisch, zumindest bei Überdosierung (akut lebertoxisch ab 10 Gramm), aber auch schon in therapeutischer Dosierung ist eine toxische Wirkung möglich bei bestehendem Leberschaden z.B. bei chron. Alkoholmissbrauch (auch bei Leberbelastung durch Eisenüberladung?).
Ich fände es gewagt, daraus bereits die Einnahme von Mariendistel als nicht geeignet bei Lebererkrankung durch Hämochromatose zu sehen. So halten die Autoren mit Beschreibung des Falles eine Verschlimmerung der klinischen und biochemischen Symptome von Hämochromatose zwar für möglich, schließen daraus aber noch nicht, man solle nun keine Mariendistel mehr einehmen, sondern schreiben sinngemäß: Patienten mit C282Y homozygoter Hämochromatose sollen vorsichtig sein, wenn sie zur Verbesserung ihrer Leberfunktion Mariendistel einnehmen, da es den genau umgekehrten Effekt haben könnte. Hier die Fallbeschreibung: Exacerbation of hemochromatosis by ingestion of milk thistle C. Whittington,Can Fam Physician. ; Oct 2007; engl. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2231430/
Maxleon aus dem Forum hatte ebenfalls negative Erfahrungen mit Mariendistel gemacht:
http://www.haemochromatose-forum.de/for ... =19&t=1745

Gibt es Wechselwirkungen von Mariendistel mit anderen Medikamenten?
Es gibt Hinweise, dass Mariendistel die Giftigkeit diverser Medikamentenstoffe verringern kann. Aber vielleicht im Einzelfall auch das Gegenteil, habe darüber aber auf den ersten Blick nicht viel gefunden. Zumindest in Beipackzetteln steht davon jedenfalls nichts, aber die Apotheken-Umschau sagt (nicht die zuverlässigste) Quelle: http://www.apotheken-umschau.de/Heilpfl ... 44894.html Zitat: "Des Weiteren gibt es Hinweise darauf, dass Ginseng, Echinacea, Mariendistel und Sägepalme Abbau und Ausscheidung von bestimmten Arzneimitteln verändern."
Pharmakokinetische Interaktionen sind für Mariendistel aber kaum beschrieben (mehr dt.: http://www.pharmakologie.usz.ch/Documen ... iginal.pdf)

In manchen Mariendistel-Mitteln ist Eisenoxid enthalten.
Das Eisenoxid, das oft zum Einfärben von Lebensmittelrodukten genutzt wird, gilt als biologisch nicht verwertbar. Anorganische Eisenverbindungen werden nicht vom Körper aufgenommen und leisten somit keinen Beitrag zur Eisenversorgung des Körpers. mehr hier: http://www.haemochromatose-forum.de/for ... f=3&t=1667 ( ...aber ich verzichte dennoch gerne darauf)

PS Ilka brachte gerade das Thema auf, dass ihr Arzt meinte, es ist zu wenig Wirktoff in den Packungen, als dass eine Wirkung zu erwarten wäre. Wer kann dazu etwas sagen? (Leider ist unser Forums-Apotheker "Apo-Opa" nicht mehr unter uns, er hätte uns da wohl weiterhelfen können... 140mg waren die tägliche Dosis bei der Hämochromatose-Studie und zumindest bzgl Eisenüberladung zeigte sich bei dieser Wirkstoffmenge eine Wirkung.)

Wie sind Eure Erfahrungen? Was sagen Eure Ärzte?

Liebe Grüße

Lia
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Konrad
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Re: Mariendistel (Silymarin Silybin)

Beitrag von Konrad »

Hallo Lia,
Gibt es Wechselwirkungen von Mariendistel mit anderen Medikamenten?
Silymarin ist *in vitro* ein potenter CYP3A4-Hemmer.
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11038151
CYP3A4 ist ein Enzym der Phase-1-Entgiftung und spielt beim Abbau vieler Medikamente, u.a. Antihistaminika, eine Rolle. Man vermutete daher, daß *in vivo* die Wechselwirkung ähnlich wie bei Grapefruitsaft sein müsse, der sowohl in vitro, als auch in vivo ein starker CYP3A4-Hemmer ist.
Bei Silymarin scheint *in vivo* aber keine Hemmwirkung zu existieren.

Nun hat aber CYP3A4 zwei Wirkorte, nämlich die Leber und der Dünndarm, und man weiß inzwischen, daß Grapefruitsaft ausschließlich im Dünndarm wirkt. Daher hat man bei intravenöser Wirkstoffapplikation regelmäßig keine Hemmwirkung feststellen können. Evtl. ist das bei Silymarin auch so.

LG, Konrad